| Zur Person Carl Weyprechts |
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( aus einem Referat von Dr. Heidi v. Leszczynski – Urgroßnichte des Polarfahrers und Entdeckers, gehalten anlässlich eines Vortragsabends in der Rentmeisterei in Bad König am 29. April 2005 ) Lebenslauf: Carl Weyprecht wird am 8.September 1838 in Darmstadt geboren. Seine Kindheit und ersten Schuljahre erlebt er im heutigen Bad König im Odenwald. Sein Vater war Kammerdirektor des Grafen zu Erbach-Schönberg in König; mit 18 Jahren tritt er nach Abschluss der höheren Gewerbeschule in Darmstadt in die österreichische Kriegsmarine ein. Für einige Jahre fährt er zur See im Mittelmeer, im Atlantik und fällt bald allen Vorgesetzten auf einmal durch seine außergewöhnliche organisatorisch-wissenschaftliche Begabung, aber auch wegen seiner Charakterstärke und seinen ungewöhnlichen Führungsqualitäten auf. Besonders diese Eigenschaft sollte das Überleben der Besatzung der Expedition von 1872/74 sichern!! 1860-62 unter Admiral Tegetthoff auf der Fregatte „Radetzky“ erwirbt er sich dessen hohe Anerkennung. Admiral Tegetthoff bestärkt ihn nicht in seiner frühen Begeisterung für eine Nordpolexpedition, aber er versucht sie ihm auch nicht auszureden (Weyprecht wird 1872 den 220 000 Tonnen-Dreimast-Motor-Segler, das Expeditionsschiff, nach ihm benennen). Er will nun ernsthaft Polarforscher werden 1863 wird er zunächst als Schiffsfähnrich leitender Unterrichtsoffizier auf dem Schulschiff „Huszar“. 1865 liest er den Vortrag des berühmten Geographen Petermann, den dieser in Frankfurt am Main im Freien Deutschen Hochstift hält, bei einer der drei wissenschaftlichen Vereine in Frankfurt (neben der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft (gegr. 1817), und dem Geographischen Verein (später 1861 in Geographische Gesellschaft umbenannt). Das Freie Deutsche Hochstift war 1859 anlässlich des 100. Geburtstages von Friedrich Schiller gegründet worden. Carl Weyprecht bewirbt sich bei dem berühmten Geographen aus Gotha, August Petermann, um die Teilnahme an der geplanten Polarexpedition, die als Ziel die freie Fahrt entlang der West-Ost-Passage nördlich Sibiriens bis zur Behringstraße hat. Er legt seiner Bewerbung aber auch gleich exakte Pläne über die Dauer dieser Polarexpedition, über Ausrüstung eines Schiffes (Verstärkung der Schiffswände und Takelage usw.) und über die notwendige Bereitstellung von Schlitten, Zelten und Hunden vor. Auch erörtert er bereits die Probleme des Klimas, der Eisverhältnisse, des Skorbuts! Erst nach der sofortigen Zustimmung Petermanns bittet er seinen Vater in König ausführlich schriftlich um Verständnis und Zustimmung zu diesem seinem Wunsch nach neuen, wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Nordpolarregion zu forschen, die für die kommenden seefahrenden Generationen von allergrößter Bedeutung wären. Wie schwer muss seinen geliebten Eltern in der Heimat ums Herz gewesen sein! Kannten sie doch den starken Willen und Charakter ihres Sohnes! 1866 werden diese ersten Pläne durch den Preußisch-Österreichischen Krieg zunächst um einige Jahre verschoben. Weyprecht kann nicht an den ersten beiden deutschen Nordpolarfahrten 1868 und 1869/70 teilnehmen, da er von der österreichischen Kriegsmarine nicht freigestellt wird – und ihm eine weitere Beförderung auch wegen seiner geringen Besoldung wichtig war! Weyprecht nimmt auf der Panzerfregatte „Drache“ Teil an der Seeschlacht von Lissa (Österreich besiegt Italien!). Weyprechts Kommandant und Freund, Baron Moll, wird neben ihm auf der Kommandobrücke stehend, von einem feindlichen Geschoss tödlich getroffen. In seiner Eigenschaft als Navigationsoffizier übernimmt Weyprecht - damals 28 Jahre alt - sofort das Kommando mit außerordentlichem Geschick, bis der für diese Aufgabe bestimmte Offizier nach geraumer Zeit die Brücke erreicht. Weyprecht erhält hierfür den eisernen Kronenorden, eine ungewöhnliche Auszeichnung für einen Offizier niedriger Charge. Außer ihm wurde nur ein anderer „Sub-altern-Offizier“ mit diesem hohen Orden nach dieser siegreichen Schlacht geehrt. 1868 wird Weyprecht zum Linienschiffsleutnant ernannt. Er erkrankt während der einjährigen Reise nach Mexiko lebensgefährlich an Sumpffieber und liegt monatelang im Spital zu Havanna. Die hygienischen Verhältnisse mag man sich gar nicht vorstellen! Ein Wunder, dass er diese Erkrankung überlebt. Auf dem Raddampfer „Elisabeth“ bringen sie den in Mexiko ermordeten Bruder des Kaisers nach Österreich zurück. Aufgrund seiner Erkrankung in Mexiko war Weyprecht eine schnelle Rückkehr nach Europa unmöglich, somit wurde Karl Koldewey als Ersatz für Weyprecht die Führung der beiden deutschen Polarfahrten nach Ostgrönland von Petermann übertragen. An der zweiten deutschen Nordpolfahrt nimmt aber bereits der österreichische Offizier Julius Payer teil, der aufgrund seiner alpinistischen und kartographischen Interessen und Begabungen für die Vermessung und Zeichnung der neu zu entdeckenden Länder von Petermann als Kommandant zu Lande bestimmt wird. In den Jahren 1869/70 kann sich Weyprecht an der Küstenaufnahme des adriatischen Meeres beteiligen, wobei er sich wiederum hervorragend auszeichnet. 1870 nimmt er an der Beobachtung der Sonnenfinsternis in Tunis teil. Ebenfalls 1870 lernen sich die beiden österreichischen Marineoffiziere Weyprecht und Payer persönlich kennen. Von nun an vertieft Weyprecht in Vorbereitung auf die gemeinsame Nordpolarfahrt seine Kenntnisse der Astronomie, Meteorologie und Polarkunde durch intensives Selbststudium. 1871 erfolgt nun die erste gemeinsame Erkundungsfahrt in die Polarregion östlich von Spitzbergen. Für diese Fahrt bringt auch der Frankfurter Geographische Verein 1030 Gulden auf – nachzulesen in den Annalen im Institut für Stadtgeschichte der Stadt Frankfurt!! Den Hauptteil der Kosten dieser „Recognoszierungsfahrt“ trägt jedoch Graf Wilczek. Vor Antritt der Nordpolarfahrt hält Weyprecht im Winter 1871/72 im „Frankfurter Geographischen Verein“ einen höchst aufschlussreichen Vortrag über Zielsetzungen der im April 1872 geplanten Expedition. Im Protokoll heißt es dort: „Das nächstliegende wäre eine Expedition direkt nach dem Nordpol. Viele Gründe sprechen jedoch dagegen: eine solche erfordert zwei Schiffe und etwa das doppelte der vorhandenen Mittel. Ferner ist wissenschaftlich die Erreichung des Pols nicht so wichtig; er (der Pol) repräsentiert einen Punkt nicht interessanter als andere Punkte auch. Daher ist für unsere Fahrt die nordöstliche Richtung, d.h. die Umschiffung der Nordküste Sibiriens in Aussicht genommen und als ideales Ziel die Durchfahrung der Behringstraße“. (Dieses Ziel sollte noch zu Lebzeiten Weyprechts der Schwede Nordensköld 1879 erreichen, der „Punkt“ des Nordpols wird 1909 von Cooks und Peary (?) erstmals “betreten“). Nachdem die polare Erkundungsfahrt auf dem Robbenfängerschiff „Isbjörn“ 1871 aufgrund eines milden Sommers sehr günstig verläuft – es wird der 79. Breitengrad fast erreicht - startet am 13.Juni 1872 in Bremerhaven die „Tegetthoff“. Dieser Drei-Mast-Motor-Segler wurde nach Weyprechts Angaben zu einem see- und eistüchtigen Forschungsschiff in Bremerhaven in nur wenigen Monaten gebaut. (Die Herstellung eines Modells, welches im Odenwaldmuseum zu sehen sein wird, dauerte zwei Jahre!). Bei der Expedition 1872 tritt Graf Wilczek als der größte, private Spender mit insgesamt 30.000 Gulden auf. Diese Expedition wird von vielen privaten Spendern in Österreich und Deutschland (auch mit 1000 Gulden von Petermann) unterstützt. Graf Wilczek trägt jedoch auch die Kosten für das Proviantlager auf Nowaja Semlja, das der Expeditionsmannschaft im Falle der Not als Rettung gedacht ist. Dieses Notlager sollte 1874 nach Verlassen des im Eise festgehaltenen Schiffes verfehlt werden! Für diese Expedition werden in Wien vom „Comité für die österreichisch-ungarische Nordpol-Expediton“ über 200 000 Gulden gesammelt. Weyprecht bedankt sich bei seiner Excellenz Edmund Graf Zichy mit folgenden Worten: „Dank den Bemühungen und liberalen Ansichten des Comités verfügen wir über Mittel wie wenige Expeditionen vor uns“. Am 14.Juli 1872 ist die Abfahrt von Tromsö – hier wird der Norweger Carlson an Bord genommen. Alle anderen Mitglieder der Mannschaft kommen aus dem österreich-ungarischen Raum: aus Böhmen, Mähren, Tirol, Ungarn, und vor allem aus dem istrianisch-dalmatinischem Gebiet. Weyprecht heuert gegen allen Rat Offiziere und Matrosen aus dem Süden an! Diese Männer würden nicht wegen vorheriger Erfahrungen im Eise bei Gefahr und Entbehrung entmutigt sein und dem Alkohol sofort verfallen, sondern sie seien im Gegensatz zu Mannschaften aus dem Norden heiter, würden singen, und ihr Drang zurückzukehren in die Heimat sei so stark, dass sie nicht verzweifeln sondern dem Kommandanten zur See in allen seinen Entscheidungen jederzeit vertrauen würden! Wie sollte sich dieser mutige Beschluss später bewähren!! Am 21.August verabschiedet sich die (der) „Tegetthoff“ von der Mannschaft auf der Isbjörn, mit dem Graf Wilczek das Proviant für das Lager auf Nowaja Semlja deponiert hat. Sie trafen sich glücklicherweise noch in der Barentssee. Es wird ein letztes Foto gemacht von den Schiffen, von der Mannschaft (Fotograph Burger). Bereits am selben Abend erste Begegnung mit Eis! Lesen Sie hier die ersten Einträge im Schiffstagebuch November 1873 während der neuerlich eingetretenen Polarnacht frieren die das Schiff umklammernden Eismassen mit der Insel Wilczek zusammen. Am 23. Februar1874 beschließen die Offiziere, keine dritte Überwinterung hinzunehmen, sondern das Schiff im Mai 1874 zu verlassen. Im März stirbt der Maschinist Otto Krisch an seiner Tuberkulose und wird auf der Wilczek-Insel unter Steinen begraben. Er muss als einziger der 24-köpfigen Mannschaft zurückbleiben! In den drei Monaten nach Aufgang der Sonne von Mitte Februar 1874 bis Mai unternimmt Julius Payer, der Kommandant zu Lande, drei Landexpeditionen und gelangt bis auf die nördlichste Insel, die er Rudolf-Insel tauft und darauf die österreichische Fahne hisst. Er vermutet noch weiter nördlich Land, (das Petermannland), das sich aber später als Fehldeutung herausstellt. Diese Landexpeditionen werden unter unbeschreiblichen Mühen und unter Aufzehrung der letzten Kräfte durchgeführt. Payer gibt den Inseln, den Bergkuppen, den Meeresengen, Namen österreichischer und deutscher Stätte und Persönlichkeiten. Wir finden auf der Karte die „Wilczek-, „Koldewey-, Hochstetter-, Hall-„Wiener-Neustadt-, Rudolf-Insel“ ,das „Kap Tegetthoff“, „Kap-Frankfurt“. (Von späteren Entdeckern bekommen Inseln und Sunde die Namen Payer und Weyprecht!) Auf der „Lamont-Insel“ – benannt nach dem Astronomen Alexander Lamont -, sollte ein junger russischer Forscher, Wladimir Serow, 1978 eine 104 Jahre alte „Flaschenpost“ von Weyprecht finden, in der dieser auf dem Rückmarsch späteren Generationen die Entdeckung von Franz-Josefs-Land kundtut. Dieser Brief war adressiert an die Österreichisch-Ungarische Admiralität und kam daher 1980 nach 106 Jahren von Moskau nach Wien und dort in die Akademie der Wissenschaften. Dieses unversehrte Schreiben war von Weyprecht auf dem Rückmarsch in einem Holzröhrchen – einem abgesägten Stuhlbein – und vor Wasser, Eis und Schnee in einem kleinen Tongefäß derart geschützt, dass wir sie in der Ausstellung im Odenwaldmuseum - erstmalig ausgestellt - in Michelstadt werden bewundern dürfen! 20. Mai 1874 Der Rückzug beginnt, das Schiff wird verlassen. Fünf der Boote werden auf Schlitten verpackt. Alle Instrumente, alle Aufzeichnungen, die Weyprecht und seine Offiziere während des 2-jährigen Aufenthaltes im Eise machten, werden wasser- und stoßsicher verpackt. Zurück bleiben müssen private Dinge, Proviant, Kohle, Munition und ..die Hunde! Die letzte Eintragung im Schiffstagebuch vom 20.Mai über das Verlassen der Tegetthoff – das Schiff war längst zur geliebten, sicheren Behausung geworden - werden wir ebenfalls im Original in der Ausstellung nachlesen können.!! Die Schlitten werden gezogen über die von unzähligen Blöcken, Höckern, Rissen und Spalten zerfurchte Eis- und Schneewildnis, um nach Wochen festzustellen, dass durch ungünstige Winde aus Süden eine Norddrift die Eismassen und mit ihnen die ermattete Mannschaft wieder zurückgetragen hat. So befinden sie sich am 15. Juli wieder auf Höhe der Lamont-Insel, nur 37 km südlich der Tegetthoff! Einige wollten in ihrer Panik, ihrer Verzweiflung, wieder zurück an Bord, aber Weyprecht schafft es, mit der Bibel in der Hand, die Mannschaft zum rettenden Weitermarsch südwärts zu bewegen!
Das berühmte Ölgemälde „Nie zurück“ (Heeresgeschichtliches Museum in Wien) gibt uns Zeugnis dieser hoffnungslosen Lage! Erst Mitte August wird das offene Meer erreicht. Groß war die Freude, endlich konnten die Boote zu Wasser gelassen werden! 14.August 1874: ...„Das Tosen und Brausen der Brandung war eine köstliche Musik für unsere Ohren“...schreibt Weyprecht in sein schmales Tagebüchlein, das er in seiner Brusttasche trocken verwahrt!
Payer erzählt: „Mit unendlicher Befriedigung sahen wir den weißen Saum des Eises nach und nach zur Linie werden und endlich verschwinden“. In diesem Jahr war zu ihrem Glück die Eisgrenze weit nach Norden gerückt! Am 18. August legen sie in einer Bucht von Nowaja Semlja kurz an und laben ihre Augen an der üppigen blühenden Vegetation. Das letzte Proviant ist aufgebraucht, als nach weiteren 6 Tagen auf den vollbesetzten, kleinen Ruderbooten sie in der letzten Bucht, am 24. August in der Dunen-Bay russische Fischerschiffe erblicken! 96 Tage dauerte es nach dem Verlassen der Tegetthoff, bis die Mannschaft von diesen russischen Walfischfängern aufgenommen werden. Groß ist die beiderseitige Freude an Bord! Die russische Mannschaft – wie alle in diesen Monaten in den Nordmeeren fahrenden Schiffe waren informiert und hatten schriftlichen Befehl, die österreichisch-ungarische Expeditionsmannschaft aufzunehmen, sollten sie ihnen begegnen. Alle Schiffe hatte Kopien von Briefen von Angehörigen und Freunden an Bord. So erfuhr Weyprecht schon auf dem russischen Schiffe vom Tode seines geliebten Vaters. Die Mannschaft wird in Vardö in Norwegen an Land gebracht, von wo die erste Meldung ihrer Rettung wie ein Lauffeuer durch Europa geht! Die Empfänge in Hamburg, in Breslau und endlich in Wien sind überwältigend. Weyprecht, der gut aussehende Mann, ist aber kein Freund großer Gesellschaften, großer Ehrungen. Er sagt: „Auf keiner Seefahrt bin ich seekrank geworden, aber bei diesem Trubel werde ich es noch!“ Ganz anders seine Mannschaft, die sich dem Taumel hingibt. Weyprecht macht sich nicht ohne Grund Sorgen um einige Männer. Wie werden sie sich nach Jahren der Entsagung und Tagen des Jubels in ihrem bescheidenen Leben wieder zurechtfinden. Und einige schaffen es auch nicht! Den ihm angebotenen Adelstitel lehnt Carl Weyprecht ab und widmet sich verbissen der Bearbeitung der geretteten Messergebnisse und arbeitet ohne Rücksicht auf seinen sich immer weiter verschlechternden Gesundheitszustand. Seine Idee „Internationale Polarjahre“ zur systematischen Erforschung der Polarwelt sollte nun realisiert werden. Er erlebt jedoch nur noch die Zusage einiger europäischen Nationen (auch Russland ist dabei), aber nicht mehr das „1. Internationale Polarjahr 1882/83" mit 14 Stationen rund um die Nordpolarregion, ausgerichtet von 11 Nationen! Weyprecht ist heute als Begründer dieser internationalen geophysikalischen Jahre anerkannt. Die „Deutsche Gesellschaft für Polarforschung“ vergibt ihm zu Ehren die „Weyprecht-Medaille“ an verdiente Wissenschaftler. Am 29.März 1881 stirbt Carl Weyprecht in Michelstadt, wohin ihn sein Bruder, der Arzt Robert Weyprecht, sterbend in einem Salonwagen des Kaisers von Wien nach Hause geholt hatte. Am 31. März 1881 wird er neben seinem Vater auf dem Friedhof in König begraben und erhält ein Ehrengrab. |