Artikel in der Odenwälder Heimatzeitung am 12.6.2008 zu der aktuellen Buchveröffentlichung
In Wien erscheint heute ein Buch über den im Odenwald aufgewachsenen und verstorbenen Polarforscher

Dass er zusammen mit Julius Payer die letzte größere Landmasse unserer Erde entdeckt hat, ist von Carl Weyprecht hinreichend bekannt. In Darmstadt geboren, in Bad König aufgewachsen und in Michelstadt gestorben, sind daher in allen drei Städten Straßen nach dem Polarforscher benannt, in der Kurstadt zudem eine Schule. Am heutigen Donnerstag erfährt der Abenteurer (1838 bis 1881) eine ganz besondere Ehre: Er wird posthum zum Geophysiker.

"Carl Weyprecht, Seeheld, Polarforscher, Geophysiker" lautet der Titel eines 590 Seiten starken Buches, das die Österreichische Akademie der Wissenschaften heute um 17.30 Uhr in Wien in ihrem Theatersaal vorstellt. Die Wissenschaftler Frank Berger (Historisches Museum Frankfurt), Reinhard A. Krause (Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven) und Bruno P. Besser (Institut für Weltraumforschung Graz) kommen darin unter Mithilfe von Petra Kämpf und Enrico Mazzoli zu ganz neuen Erkenntnissen über den Südhessen.

Er war eben nicht nur der Abenteurer, der sich als Achtzehnjähriger in den Dienst der österreichischen Marine begab, die damals eine kleine Flotte auf der Adria unterhielt. Zum Kriegshelden wurde der geschickte Taktiker 1866 als Kommandant bei der Seeschlacht von Lissa. Die Neue Welt lernte er kennen, als er 1867 den Kaiser Maximilian nach Mexiko schipperte. Zur Polarforschung kam Weyprecht freilich durch die Ansicht des damals führenden Geografen August Petermann, es müsse aufgrund des Golfstromes eine eisfreie Nordost-Passage geben. Und weil Österreich damals finanziell durchaus in der Lage war, sich in der Polarforschung zu engagieren, brach Carl Weyprecht 1872 zusammen mit Julius Payer und 22 Mann auf, um das "offene Polarmeer zu erkunden. Er als Kommandant zur See, der Österreicher Payer als solcher zu Lande. Payer war es vergönnt, die fortan Franz-Josef-Land genannte Inselwelt, die knapp 1000 Kilometer vor dem Nordpol plötzlich vor dem 38 Meter langen Dreimastschoner "Admiral Tagetthoff" auftauchte, zu erkunden und zu kartografieren.

Die Autoren des Buches über Weyprecht schätzen aber etwas anderes höher ein als diese abenteuerliche Entdecker-Tour, die mit Schiffbruch im Packeis endete. Die Mannschaft schaffte es bekanntlich in den Rettungsbooten mit viel Glück bis nach Novaja Semlja, wo sie von russischen Walfängern gerettet wurde.

Die Welt vereint im Forscherdrang

Carl Weyprecht setzte nach seiner Rückkehr alles daran, die Polarforschung voranzubringen. Acht Jahre brauchte er, um eine "multinationale Forschungskampagne auf die Beine zu stellen", wie die Autoren schreiben. 1882/83 war das erste Polarjahr, in dem 15 international besetzte Mess-Stationen im hohen Norden Wetter, Wind, Wellen und Eisbewegungen festhielten.

Dieser Leistung verdankt Carl Weyprecht nun seinen akademischen Ehrentitel Geophysiker. In dem neuen Buch kommt aber auch ein ganz normaler Mensch zu Wort, wie wir aus den 325 wiedergegebenen Briefen entnehmen. Viele davon sind an die Eltern gerichtet, denen er seine militärische Zeit an der Adria schildert, etwa wie er das Geld für die teure Offiziersuniform zusammen bekommen hat, oder dass er das schlechte Wasser von Pola - heute Pula - auf der Halbinsel Istrien mit Wein anreicherte, um sich keine Krankheiten zu holen.

Heidi von Leszczynski stieß als Urgroßnichte Weyprechts bereit vor zwei Jahren zu seinem 125. Todestag die Polar-Ausstellung in Michelstadt an. Die pensionierte Kinderärztin aus Frankfurt hat seit über 30 Jahren ihren Zweitwohnsitz im Erbacher Stadtteil Ernsbach - und ist im Besitz eines Teils der Briefe Weyprechts, die nun in dem neuen Buch abgedruckt sind. Auch können wir - neben den informativen Erläuterungen der Autoren - jetzt das Tagebuch lesen, das Weyprecht bei seiner gefährlichen Rückkehr von Franz-Josef-Land geführt hat.

Nur eine Nebenrolle spielt in der Veröffentlichung Julius Payer. Der hat aber bereits 1876 seine Reiseerinnerungen in einem dicken Wälzer dargelegt, der sofort zum Bestseller wurde und heute antiquarisch für einige hundert Euro gehandelt wird. Auch der Schriftsteller Christoph Ransmayr verarbeitete die Expedition literarisch in seinem 1984 erschienenen Roman "Die Schrecken des Eises und der Finsternis".

Buchtipp

Das 590 Seiten starke Buch "Carl Weyprecht, Seeheld, Polarforscher, Geophysiker" von Frank Berger, Bruno Besser und Reinhard Krause erscheint im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaft http://www.verlag.oeaw.ac.at und kostet 49 Euro. Zu beziehen ist das neue Werk (ISBN 978-3-7001-4019-1) bereits über einige Internet-Anbieter und demnächst wohl auch über jede Buchhandlung.

Text: Reinhard Köthe