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Carl Weyprecht (1832-1881)
Es liegen zur Zeit keine aktuellen Termine vor.
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Zwei Jahre lang Strapazen ertragen
Artikel in der Giessener Allgemeinen Zeitung vom 8. und 22.1.2005
Text: Dr. Aide Rehbaum
Zwei Jahre lang Strapazen ertragen - Der gebürtige Hesse Carl Weyprecht (1838-1881) war von 1872 bis 1874 auf Expedition
Vor genau 130 Jahren kehrte ein gebürtiger Hesse triumphal aus der Arktis zurück, wo er zwei Jahre lang die unglaublichsten Strapazen ertragen hatte.
Carl Weyprecht hatte zusammen mit seinem Kollegen Julius Payer und der Expeditionscrew -erstmalig glaubhaft bezeugt- das später so genannte Franz-Josefs-Land betreten.
Das war seit 1596 die bedeutendste Landentdeckung im europäischen Sektor der Arktis.

Abb.1: Stammbaumausschnitt Familie Weyprecht
Zur Feier des Entdeckungs-Jubiläums veranstaltet die Volkshochschule Odenwald dieses Jahr eine Vortragsreihe, 2005 ein Seminar,
eine Lesung und eine Studienreise nach Wien und 2006 eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit Weyprechts Großnichte 5.

(Foto vom Webmaster eingefügt, stammt von Guido Schiek)
Reiselustige pilgern auf
seinen Spuren auf russischen Eisbrechern und atomkraftgetriebenen
U-Booten ins Franz-Josefs-Land, worüber auch der NDR und die FAZ6
berichteten.
Carl wurde in Darmstadt7 als dritter Sohn von insgesamt fünf
Geschwistern in der Grafenstr. 41 am 8. September 1838 geboren. Der
Vater gab früh aus Gesundheitsgründen seinen Beruf als Advokat auf und
war 1842 mit seiner Familie nach König umgezogen, um eine Stelle als
Kammerdirektor des Erbach-Schönbergischen Fürstenhauses anzutreten8. Die Weyprechts hatten lebhafte Kontakte mit einem ganzen Kreis gebildeter
Menschen der höheren Stände. In seinem Elternhaus ging z.B. die
Prinzessin zu Hohenlohe ein und aus. Das Interesse an fernen Ländern
äußerte sich in fiktiven Reisen auf dem Atlas, mit denen sich an
Winterabenden die Familie die Zeit vertrieb. Aus der großen Bibliothek
des Vaters holten sich dann die Kinder den Stoff für ihre Traumreisen.9
Karl, seine Geschwister und Kameraden wurden in ihrem Haus neben dem
Schloss zuerst von Privatlehrern unterrichtet, dann besuchte er 1852
kurze Zeit das Gymnasium und wechselte ein Jahr später auf die
Gewerbeschule in Darmstadt. Schon früh stand sein Entschluss fest,
Seeoffizier zu werden, und dafür benötigte er eher
naturwissenschaftlich-mathematische Kenntnisse als alte Sprachen. Als
Knabe soll er sich durch seine Munterkeit, durch sein freundliches
Benehmen und sein gutes Herz Freunde gewonnen haben. Man suchte den
sympathischen Jungen auf, bevorzugte ihn, lobte seinen klaren Kopf und
seinen Fleiß.
Zur österreichischen Marine ging er laut Littrow, weil die deutsche kaum
existierte, der Eintritt in die englische schwierig war, aber die
österreichische sich kräftig entwickelte. Koldewey formuliert es so:
"Die Deutschen waren in Folge der früheren unglücklichen politischen
Zerrissenheit gerade in nautischen Unternehmungen und
Erforschungs-Expeditionen schmachvoll hinter allen Nationen Europas
zurückgeblieben, trotzdem wir eine so große Handelsmarine, die
drittgrößte der ganzen Welt, und eine so zahlreiche und tüchtige
seemännische Bevölkerung aufzuweisen haben."10 Der Arbeitgeber seines
Vaters mag hier vielleicht hilfreich gewirkt haben. Für den Adel war es
nicht ungewöhnlich, nachgeborene Söhne in Armeen anderer Nationen zu
verdingen. Außerdem gehörte Österreich zum Deutschen Bund.11.Ab 1856
absolvierte er als provisorischer Seekadett in der k.u.k. Kriegsmarine
seine Ausbildung auf der Fregatte Schwarzenberg, stationiert in Pula
(Istrien). Danach beteiligte er sich an einer Flottenreise um das
Mittelmeer an Bord der Korvette "Erzherzog Friedrich", die unter anderem
in Tripolis Zedernholz für den Bau der Votivkirche in Wien abholte, aber
auch Landausflüge ins Landesinnere von Beirut, Athen, Saloniki,
Konstantinopel, Izmir, Alexandria, Tunis und Neapel ermöglichte.12
1862 -fuhr er als Linienschiffsfähnrich auf der Schraubenfregatte "Radetzky"
unter Kommandant Tegetthoff. Schnell erklomm er die militärische
Stufenleiter. 1863 - 65 versah er seinen Dienst als Instruktionsoffizier
auf dem Schulschiff "Hussar".
weiter im Text
Noch vor der Tunisreise lernte Weyprecht den Oberleutnant der Tiroler
Kaiserjäger Julius Payer kennen, der sich gerade bei der zweiten
deutschen Polarexpedition durch seine karthographischen Arbeiten
ausgezeichnet hatte. Im folgenden Jahr unternahmen beide auf dem
Segelschiff "Isbjörn" mit acht Mann Besatzung die Vorexpedition in das
Gebiet zwischen Spitzbergen und Novaja Semlja und fanden es fast
eisfrei. Diese Region war bei den zwei deutschen Fahrten ausgespart
geblieben, so sammelte man jetzt Daten zur Meerestiefe und zur
Temperatur von Wasser und Luft. Weyprecht war überzeugt, dass das Ziel
der folgenden Expedition die Erforschung der Polarnatur sein sollte,
nicht das Auffinden neuer Länder oder die Erreichung des Nordpols. So
stimmte er sich mit Payer in seiner Instruktion ab. Diese Expedition
wurde außer von Petermann von Spendenaktionen unterstützt, an denen sich
u.a. der Kaiser, das Kriegs- und das Unterrichtsministerium und die
Geographische Gesellschaft beteiligten. Es kamen 200 000 Gulden
zusammen. Einfachste Leute trugen ihr Scherflein genauso dazu bei wie
hochwohlgeborene.21 Natürlich kamen Weyprecht auch die Verbindungen mit
einflussreichen Männern der Donaumonarchie zu gute, darunter Graf Edmund Zichy und Graf Johann Nepomuk von Wilczek. Graf Wilczek (1837-1922) war
unter allen Begeisterten vielseitig wissenschaftlich interessiert, der
herausragende tatkräftige Sponsor (40 000 Gulden) und Freund, der auch
später einige der schriftlichen Hinterlassenschaften der beiden Forscher
rettete. Aus eigener Initiative legte er für die Folgeexpedition ein
Lebensmitteldepot auf Nowaja Semlja an. Unterstützung kam sogar vom
russischen Zaren. Ein Erlass verpflichtete seine Untertanen zu jeglicher
Hilfestellung, falls die Besatzung auf dem Rückweg durch Sibirien
müsste. In Weimar veranstaltete der Großherzog von
Sachsen-Weimar-Eisenach ein Abschiedsbankett für die Forscher.
Polarexpeditionen und die damit verbundenen Gefahren und Entbehrungen
haben die Weltöffentlichkeit immer wieder bewegt.22
Vor Beginn der Fahrt erhielt Weyprecht am 18. Februar 1872 die
österreichisch-ungarische Staatsbürgerschaft. Das Schiff wurde teilweise
nach Plänen von Weyprecht in Bremerhaven gebaut, denn zwei Jahre lang
von 1872-74 sollte sein Leben unter anderem auch von seiner
Funktionstüchtigkeit abhängen. Es war ein Schraubendampfer von 220 t,
mit drei Masten und 110 Fuß lang. Die Kompetenzen von Weyprecht und
Payer waren klar verteilt. Carl sollte als Schiffsführer der "Tegethoff"
die Hauptexpedition leiten, für die sie das Erreichen der Behringstraße
auf der Nordroute zum Idealziel gesetzt hatten, während Payer für die
Ausflüge auf Land das Management übernahm. Schon zur Zeit der Anwerbung
seiner Mannschaft hustete Weyprecht chronisch.
In seinem Vorwort zum Expeditionsbericht schreibt Payer: "Das
vorliegende Werk beginne ich mit der rückhaltlosen Anerkennung der hohen
Verdienste meines Kollegen Schiffsleutnants Weyprecht, gegen welche die
Erfolge meiner eigenen Anstrengungen nur von geringem Belang sind." Die
Wirksamkeit und Ordnung schrieb er den Folgen einer selbst auf
Polarfahrten seltenen Disziplin zu.23 Nur wenige Stunden nachdem sich
das Schiff von der "Isbjörn" Graf Wilczeks getrennt hatte und früher als
die ganze Besatzung dachte, wurde das Schiff bei 76 Grad 22 Minuten
nördlicher Breite und 62 Grad 3 Minuten östlicher Länge für immer im Eis
eingeschlossen, das in diesem Jahr schon viel südlicher begann als im
Jahr zuvor, und trieb ohne Steuermöglichkeit mit dem Packeis dahin. In
den folgenden Winterstürmen wurde der Motorsegler stark beschädigt. (Abb.3)
An Bord herrschte babylonische Sprachverwirrung, slawisch, italienisch,
deutsch norwegisch, englisch, lateinisch, ungarisch und französisch,
sowie Tiroler Dialekt waren vertreten. Weyprecht hatte die Crew aus
begeisterungsfähigen k.u.k. Mittelmeermatrosen zusammengesucht24, im
Gegensatz zu früheren Expeditionen nicht eiserprobte, wenig motivierte
Skandinavier. Damit rief er zwar Kopfschütteln hervor, aber der Verlauf
gab ihm Recht. Sie mussten jederzeit damit rechnen, dass das Schiff
trotz verstärktem Kiel und Metallschutz von den gigantischen Eismassen
zerdrückt werden könnte. Laut Becker hatte Weyprecht in so hohem Grade
das Vertrauen seiner Untergebenen besessen, dass keiner von ihnen
fragte, warum etwas geschah, in der vollen Überzeugung, dass alles gut
sei, was er anordnete.25 In 800 Kisten waren die Lebensmittel verstaut.
Sie erlaubten den 24 Mann einen Speiseplan von täglich Kaffee zum
Frühstück, Suppe um acht Uhr, Suppe, Fleisch und Gemüse um zwölf, abends
Tee, wöchentlich für jeden ein Pfund Butter und alle zusammen drei
Flaschen Alkohol. Sechs Personen teilten sich sonntags eine Flasche
Wein.
Anschaulich beschreibt Payer die Geräuschkulisse während der
Eispressungen in den Wintermonaten, die das Schiff mit der Zeit anhoben.
Für die Schiffbesatzung begann eine lange Zeit unsäglicher Mühe und ein
Kampf auf Leben und Tod in der arktischen Eiswüste. Das Eis um das
Schiff herum spaltete sich unter Pfeifen, Krachen und Ächzen, die
einzelnen Stücke stiegen hoch und sanken ab, sie schoben sich auf- und
übereinander, bei Zusammenstößen stiegen sie brüllend hoch empor,
zerbarsten dabei in herabstürzende Stücke. Im Untergrund schob sich ein
neuer Berg empor, der auch wieder zersplitterte. Aber selbst Sprengungen
konnten dem Schiff keinen Freiraum verschaffen. Sicherheitshalber bauten
sie zwei Häuser, um bei Gefahr vom Schiff übersiedeln zu können, aber
diese zerbrachen bald. Die Eisdicke beim Schiff betrug 30 Fuß. Laut
Aufzeichnungen war die niedrigste Temperatur minus 46,2° Celsius.26
Um nicht in den sonnenlosen Polarwintern depressiv und übellaunig zu
werden, verordnete Weyprecht der Mannschaft Beschäftigung, z.B. mit
Iglubau, Scheibenschießen und der Jagd auf Eisbären (67 töteten sie in
den zwei Jahren). Lunge und Beine der Bären wurden für die
gemeinschaftliche Tafel zu bereitet, die Zunge bekam der Schiffsarzt,
das Herz der Koch, das Blut die Skorbutkranken, Rückgrat und Rippen die
Schlittenhunde, das Hirn die Offiziere. Fett kam in den Vorrat, und die
Leber wurde ins Wasser geworfen. Sogar ein Karnevalsfest ist bezeugt.27
(Abb. 4) Da nicht alle Mitglieder der Mannschaft lesen konnten,
unterrichteten Weyprecht u.a. die Kameraden. Der Tod des Maschinisten
Krisch durch Tuberkulose und Skorbut war eine zusätzliche Belastung für
die Besatzung. Eine dritte Überwinterung war nicht mehr möglich, soviel
stand fest.28
Am 30. August 1873 hatte sie ihre treibende Eisscholle so weit nach
Norden geführt, dass sie Land erblickten. Sie nannten es nach ihrem
Kaiser Franz-Josefs-Land. Nun waren wenigstens die Misserfolgsgefühle
gemildert, denn wenigstens ein Ergebnis konnten sie vorweisen. Um die
Zeit zu nutzen und nicht unverrichteter Dinge nach Hause zu kommen,
unternahm Oberleutnant Payer mit einem Teil der Besatzung über 6-7
Wochen mehrere Erkundungsfahrten auf Schlitten in das neu entdeckte
Land, immer in der Angst, bei Rückkehr unter Umständen das Schiff nicht
mehr wiederzufinden. (Abb.5) Es hätte ja sein können, dass das Eis
plötzlich das Schiff freigegeben hätte und die beim Schiff Gebliebenen
das nutzen mussten. Mit Weyprecht traf er die Vereinbarung, dass eine
Rettungsausrüstung für sie am Tag der Abfahrt deponiert wird, welche die
Mittel ergänzt, über die sie selbst verfügen. Die Vorbereitungen
belebten die Lebensgeister. Weyprecht stellte mit der verbliebenen
Mannschaft magnetische Beobachtungen an, ein Wunder an Ausdauer und
Pünktlichkeit unter derart zermürbenden Umständen, andauernden Gefahren
und lebensfeindlichen Erscheinungen. Erwähnt sei hier nur der ständige
Kampf gegen das auf allen Gegenständen sich bildende Eis aus dem
Kondenswasser der menschlichen Ausdünstungen, das bei Hebung der
Temperaturen den Bewohnern wie Regen alles durchnässte. (Abb.6)
Franz-Josefs-Land gehört heute zu Russland und ist eine Gruppe von etwa
60 Inseln mit fast 20.000 Quadratkilometern Fläche. Tafelberge aus
Basalt und Dolerit bis 1580 m Höhe und große kugelförmige
Verwitterungsprodukte und Gletscher kennzeichnen das Landschaftsbild.
Die Vegetation beschränkt sich auf Flechten, die Bewohner auf Pinguine,
Eisbären, Seehunde und Weißwale, sowie seit 1929 eine russische
Wetterwarte.
Weyprecht plante schweren Herzens das Schiff zu verlassen. Anfang 1874
sollte es dann so weit sein. Sie beluden jedes der drei kleinen Boote
mit je einem Schlitten, Werkzeug, Waffen, etwas Geschirr, 6 Lampen, 2
Ölfässern, 1 Sack Nähzeug, 20 Päckchen Zündhölzern, 1 Paar Unterhosen, 1
Hemd, 1 Unterhemd, 2 Paar Rentierschuhen, Waage, Gewichten, Kochmaschine
samt Ersatzteilen, 45 Kilo Pemmikan (getrocknete, gepresste
Fleischmischung), 150 Kilo Erbswurst, 40 kg Fleischgries, 202 kg
gekochtes Fleisch in Büchsen,49 kg Mehl, 125 kg Brot, 45 kg
Schokolade,115 l Spiritus, 6 kg Salz, 5 kg Fleischextrakt, 1,5 kg Tee
und 50 kg Brot für die Hunde. Alles, was nicht auf vier Booten bzw. vier
Schlitten Platz hatte, musste zurückgelassen werden. Ausgerüstet mit 2
Wollhemden, 1 Wollunterhose, 3 Paar Strümpfen, ledernen Wasserstiefeln,
einer Mütze und einem Pelz zum Schlafen quälten sie sich 86 Tage lang
über Kanäle, Spalten und Eistürme.29 Außer der Kleidung hatte jeder nur
noch eine Schlafdecke. Jede Nacht der ersten Woche, wenn Weyprecht den
Übernachtungsplatz bestimmt hatte, kehrte Payer noch mal zum Schiff
zurück, um Vorräte zu ergänzen. Wofür sie mit beladenen Schlitten eine
Woche brauchten, schafften sie ohne Gepäck in zwei Stunden. Sie
schliefen in den Booten und waren zeitweise wieder zur Untätigkeit
verdammt, wenn Risse im Eis zufroren, wo sie eigentlich fahren wollten
oder Eisbarrieren jedes Weiterkommen verhinderten. Oft sanken sie bis
zum Hals ein oder brachen durchs Eis. Ihre wissenschaftlichen Unterlagen
waren in Kisten verlötet. Die drei mitgenommenen Boote mussten sie
größtenteils schleppen und ziehen. Trotzdem schaffen die
Expeditionsteilnehmer in den darauf folgenden zwei Monaten ganze 15 km!
Durch die Eisdrift wurde jedes Vorwärtskommen wieder zunichte gemacht.
Bei dieser äußerst schwierigen und lebensgefährlichen Aktion soll der
Wahlspruch der Mannschaft: "Numquam retro!" (Niemals zurück) gewesen
sein. Damit wiederstanden sie der Versuchung, wieder zum Schiff
zurückzukehren, als sie ihr vergebliches Bemühen feststellen mussten. Um
nicht zu schnell die Lebensmittel zu verbrauchen, hält Weyprecht die
Mannschaft mit seinem Beispiel dazu an, ungekochtes Seehundfleisch zu
essen. Als sie offenes Meer erreichten, war das nächste Land 50 Meilen
entfernt. Diese Distanz schafften sie rudernd in vier Tagen, landeten
allerdings viel weiter südlich als das von Wilczek eingerichtete Depot.
Der Proviant reichte zu diesem Zeitpunkt noch zehn Tage.
Weyprechts Führungsqualitäten sind unbestritten. Einer der Matrosen
sagte zu dessen Bruder in Hamburg: "Seither habe ich nur zu einem
Herrgott gebetet, jetzt bete ich zu meinem Herrgott und zu meinem
Kapitän.30" Ein Beispiel seines Verhaltens blieb besonders im
Gedächtnis. "Kapitän Carlsen putzte sein Gewehr, welches plötzlich
losging. Die Kugel flog in den Munitionskasten und wir alle standen
sprach- und rathlos vor Entsetzen herum. Da stürzte Weyprecht
entschlossen auf die feuerfangenden Pakete und schleudert sie weit weg
aus dem Kasten.31"
Ein anderes Mal stand er einem Eisbär gegenüber. Die Patrone fiel ihm
beim Laden in den Schnee. Er blickte darauf drohend den Bär an und
überschüttete ihn mit einer Flut von Schimpfwörtern. Durch die
Lautstärke wurden die Kameraden darauf aufmerksam, kamen zu Hilfe und
verjagten den verdutzten Bär.
Wie durch ein Wunder wurden sie von einem russischen Schiff gerettet,
neun Tage, nachdem sie endlich offenes Wasser erreicht hatten und ihr
letzter Proviant aufgezehrt war. Weyprecht schreibt in seinem Tagebuch
am 14. August 1874: "Um 5 Uhr das offene Wasser gesichtet. Arbeiteten
uns zu einer Einbuchtung desselben durch und zogen um 7 Uhr die Boote
auf einer kleinen Scholle heraus. Wir müssen noch einmal ordentlich
schlafen, ehe wir die Seereise antreten. Um uns herum rauscht und braust
die Brandung in dem zusammengetriebenen Eisgasch, eine köstliche Musik
für unsere Ohren,,,, Unsere Lage während der Nacht ist eine unangenehme;
wir können sehr leicht wieder besetzt oder unsere Scholle zertrümmert
werden." Man hatte mit der Reise festgestellt, dass der Golfstrom nicht
stark genug war, um freies Wasser im Polarmeer schaffen zu können und
dass es keine unveränderliche Eisbarriere gab.
Weyprecht ist voll des Lobes für seine Leute32:.." Und als wir endlich
nach 96 Tagen unserem Retter, den russischen Schoner fanden, da
kletterten nicht abgemattete, sieche Schiffbrüchige über die Bordwände,
sondern eine abgehärtete, wohldisziplinierte Schiffsbemannung. Und von
Freudentränen und Ähnlichem, nur in der Einbildung sentimentaler Naturen
existierenden Ausbrüchen zurückgehaltener Verzweiflung war keine Spur zu
sehen." Auf Wunsch des Kapitäns verzichteten die Matrosen bei den
Empfängen zur Verwunderung mancher anwesenden Honoratioren auf
ausufernde Besäufnisse, wie sie unter Matrosen sonst üblich waren. Der
deutsche Konsul wollte sie gleich an ihrem Ankunftstag in Norwegen mit
Damen empfangen. Die Gattinnen sahen, dass alle Gäste unter der Hitze
litten und verlangten das Ablegen der Pelze. Darunter trugen sie nur die
Wollunterwäsche, die sie am 20. Mai angezogen hatten.33 Über die
folgende Geruchsbelästigung schweigt sich Payer aus aber man kann sie
sich vorstellen.
Auf der Heimreise erwarteten sie Einladungen des Königs von Norwegen und
Schweden, der Geographischen Gesellschaft in Hamburg und Telegramme aus
aller Welt. Sie bekamen das Ritterkreuz des Österreichischen
Kaiserlichen Leopold-Ordens. (Abb.7) Der Expeditionsleiter verlor bis
Wien seine Stimme vor lauter Erzählungen und Feiern. Kurze Zeit lebte er
zurückgezogen in Wien und war unermüdlich bestrebt, um nach der Reise
unter Aufbietung seiner eigenen Finanzreserven selbst dem schwarzen
Schaf der Expedition eine Existenz zu gründen. Danach lebte er länger in
Triest und kehrte 1879 nach Wien zurück. Die glänzenden Stellenangebote
des Auslands lehnte er alle ab. 1880 besuchte er zum letzten Mal seine
Familie in Michelstadt. Zuletzt lebte er im Hofzimmer des "Hotel
Matschakerhof" und ging zum Zeitung lesen ins Cafe, wobei er sich nur
ungern stören ließ. Für eine Ehe nahm er sich buchstäblich keine Zeit,
glänzende Möglichkeiten soll er ausgeschlagen haben. Nur der Witwe
seines Hausarztes stand er näher. Ihr vertraute er zumindest sein
Polartagebuch an, sie besuchte noch nach seinem Tode seine Familie in
Michelstadt. Während Payer durch seine volkstümliche Schilderung der
Fahrt bekannter wurde, publizierte Weyprecht die wissenschaftlichen
Ergebnisse, die ihm in der Fachwelt Anerkennung verschafften. Dabei
fanden der Erdmagnetismus und die Nordlichter bevorzugte Abhandlung. Ein
anderer Forscher lüftete jedoch das Geheimnis der Entstehung dieses
Lichtspektakels nur kurze Zeit nach Weyprechts Tod.
Die Unterlagen über die Expedition überstanden wasserdicht verpackt alle
Fährnisse, nur um in späteren Jahren durch Krieg, Nachlässigkeit,
Diebstahl und Gedankenlosigkeit bis auf wenige Reste zu verschwinden.
Erhalten geblieben sind diejenigen Unterlagen im Österreichischen
Staatsarchiv/ Kriegsarchiv, darunter sein Tagebuch, und der
Österreichischen Nationalbibliothek. Die Familie besitzt dagegen noch
130 Briefe. 34
Carl Weyprecht regte als erster 1875 auf dem Naturforschertag in Graz in
seinem Vortrag über die "Grundprinzipien der arktischen Forschung" die
Errichtung einer Forschungsstation für die wissenschaftliche Erforschung
der Zirkumpolarregion an, doch erlebte er nicht mehr die Verwirklichung.
Als Mitarbeiter der Meteorologischen Anstalt in Wien trug er diese Ideen
zusammen mit Georg Neumayer und unterstützt von Wilczek 1879 dem
Meteorologenkongress in Rom vor, um ihnen weltweite Anerkennung zu
verschaffen. Auf den 1879-81 in Hamburg, Bern und St. Petersburg
abgehaltenen internationalen Polarkonferenzen wurden verbindliche Normen
für die praktische Durchführung der Pläne Weyprechts ausgearbeitet.
Forschungswarten, nicht Forschungsfahrten im Wettbewerb der Nationen
lagen Weyprecht im Sinn. "In erster Linie wären die verschiedenen Zweige
der Physik, Botanik und Zoologie und in zweiter Linie erst die
geographischen Entdeckungen zu berücksichtigen." An verschiedenen
Punkten des arktischen Bereichs sollen ein Jahr hindurch
wissenschaftliche Beobachtungen nach gemeinsamen Instruktionen
vorgenommen werden. Die Mittel für die neuen Reisen waren bereits
bewilligt, die Regierungen aller Länder der Erde, der gekrönte Mäzen
Brasiliens an der Spitze, wollten ihr Scherflein dazu beitragen, als der
Forscher sich eingestehen musste, dass er nicht mehr dabei sein würde.
Ernst Becker, ein Freund Weyprechts in der Seebehörde in Triest, schrieb
in einer Triester Zeitung 35: "In Begleitung seines Bruders hat er Wien
verlassen, schon ein dem Tod geweihter Mann. Freundschaft und Verehrung,
deren sich Weyprecht in so reichem Maße erfreute, bot Alles auf, um die
Mühseligkeiten der Fahrt zu erleichtern - hatte doch die Direktion der
Westbahn einen eigenen Salonwagen zur Verfügung gestellt-. und schon
Dienstag früh lag im Hause in Michelstadt nur die entseelte Hülle. Da
drängt sich wohl die bittere Frage auf, warum die harte Hand des
Schicksals neben so vielen Nieten gerade nach diesem ganzen Mann greifen
musste. Denn er war ein ganzer Mann, und wer je im Leben ihm nahe kam,
nahm diesen Eindruck voll mit sich."
Er beschloss sein Leben wie der Großvater aufgrund einer (im Polarmeer
zugezogenen)36 Miliartuberkulose am 29. März 1881 in Michelstadt bei der
Familie seines Bruders Robert, der ihn aus Wien in einem von der Südbahn
zur Verfügung gestellten Salonwagen geholt hatte. Auf dem Waldfriedhof
in Bad König im Grab seiner Eltern ist er bestattet worden. Er hatte
sich bis zuletzt gegen die Einsicht in den hoffnungslosen Zustand seines
voranschreitenden Verfalls gesträubt.
Auf seine Initiative ging das 1. Internationalen Polarjahr zurück. : 11
Nationen errichteten 2 Stationen in der Antarktis und 12 in der Arktis.:
Deutschland (Forschungsstation im Kingua-Fjord, Baffininsel, Kanada),
Österreich (FS auf Jan Mayen, Norwegen), Dänemark (FS in Godthaab,
Grönland), Norwegen (FS Bossekopp im Altafjord), Finnland (FS in
Sodankylä), Schweden (FS Kap Thordsen, Eisfjord Spitzbergen),
Niederlande (FS auf der Waigatsch-Insel im Karischen Meer, Russland),
Großbritannien (FS Rae am Großen Sklavensee, Kanada), Russland (1. FS
auf der Sagastyr-Insel an der Lena-Mündung, 2. FS in der Karmakulybucht
auf Nowaja Semlja), USA (1. FS Point Barrow, Alaska, 2.FS Fort Conger in
der Lady-Franklin-Bay auf Ellesmere-Land) und Frankreich (FS am Kap
Horn, Südamerika).
Auch die Nachfolger blieben nicht vom Unglück verschont. Die nördlichste
Beobachtungsstation beim 1. Internationalen Polarjahr war ab 1881 die
der Amerikaner unter der Leitung von Leutnant Adolphus Washington Greely,
in Fort Conger in der Lady-Franklin-Bucht auf Ellesmere-Land. Auf
ausgedehnten Schlittentouren erreichten die Männer 83°30'N und betraten
Pearyland auf Grönland, aber die weitere Expedition endete in einer
Tragödie. Wegen ungünstiger Eisverhältnisse konnten in den folgenden
zwei Jahren keine Versorgungsschiffe Nachschub liefern. Das eigene
Schiff der Expedition wurde vom Eis zerdrückt und sank. Die 27
verzweifelten Besatzungsmitglieder brachen in Richtung Süden auf. Doch
bei Kap Sabine mussten sie erneut überwintern. Die sieben Überlebenden,
die gezwungen waren ihre toten Kollegen zu essen, wurden völlig
entkräftet 1884 von dem Schiff Thetis gerettet.
Die Sucht nach Ruhm, die Weyprecht diagnostiziert hatte, war diesmal
zumindest hintangestellt worden. Endlich hatte man vergleichbare Daten
zum selben Zeitpunkt an verschiedenen Orten gewinnen können.
Literatur:
Die Metamorphose des Polareises, Wien 1879
Praktische Anleitung zur Beobachtung der Polarlichter in hohen Breiten, Wien 1881
Die astronomischen und geodätischen Bestimmungen
Die magnetischen Bestimmungen
Die Nordlichtbeobachtung
Offizieller Bericht über die Nordpolarexpedition an das Comité
Vortrag über die von ihm geleiteten wissenschaftlichen Beobachtungen, 1875
Aufnahme der Nordküste von Nowaja Semlja, 1875
Bilder aus dem hohen Norden, 1875/6
Die Lebensverhältnisse während der Rückzugsreise
Tiefsee-Temperatur-Beobachtungen im Ostspitzbergischen Meer
1 Er war auch Vorsitzender des Comités für den Bau der Odenwaldbahn und
initiierte als solcher die Mümlingtal-Eisenbahn 1861. Dafür bekam er
einen silbernen Pokal von den Gemeinden.
2 In der Familienchronik Heinemann ist ein Bruder ohne Namen erwähnt,
der Kaufmann wurde. In Gießen studierte ein Philipp Karl Wilhelm
Weyprecht Medizin in Gießen, Umkreis Weidig, Leiter des revolut.
Bürgervereins. Lebte von 1809-1835. Sein Zusammenhang mit der Familie
ungeklärt.
3 Vowinkels bekamen vier Töchter: Emilie 1860 (verh. Heinemann), Lisa
1863, Marie 1865 (verh. Kolb) und Anna 1875
4 Das Ehepaar starb fast gleichzeitig an einer Grippe.
5 Nähere Auskünfte VHS Odenwaldkreis 06062/952-131
6 FAZ vom 7.8.03 Freddy Langer, Es fährt ein Schiff nach nirgendwo Eine
Reise mit dem Eisbrecher nach Franz-Josef-Land - und in die Welt der
Imagination
7 Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek: 100 Jahre Franz
Josefs-Land. Zur Erinnerung an die Entdeckungsreise der
Österreichisch-Ungarischen Nordpol-Expedition 1872-1874 unter Julius von
Payer und Carl Weyprecht. Wien 1973
8 W. Wolkenheuer. In: Hess. Biogr. Bd.1,1918, 289f; E. Ihne, Carl
Weyprecht, der hessische Nordpolforscher. In: Gießner Familienblätter
1931, Nr. 28
9 R. Kraft, Forscher im Polareis. Carl Weyprecht. In: K. Schleucher
(Hrsg.) Darmstädter draußen. Ihr Leben im Ausland. Zum 650jährigen
Stadtjubiläum Darmstadts (1330-1980), Darmstadt 1980, 323
10 Koldewey, Die 1. deutsche Nordpolar-Expedition im Jahre 1868.
Ergänzungsheft 28 zu Petermanns "Geographische Mittheilungen", Gotha
1871, 2
11 Es gab durchaus auch andere Hessen, die es in die gleiche Richtung
gezogen hatte: Prinz Philipp von Hessen-Darmstadt wurde 1708 erst
Feldmarschall für Österreich, dann Statthalter in Mantua und starb 1736
in Wien; Prinz Alexander von Hessen bekleidete bis 1862 österreichische
Kommandostellen.
12 E. Franz (Hrsg.),Hessische Entdecker. Forschungsreisen in fünf
Erdteilen. Ausstellung der Hessischen Staatsarchive zum Hessentag,
Darmstadt 1981, 32
13 Frederick Cook, Wo Norden Süden ist (F. Pohl Hrsg.), Hamburg 1953,
254ff
14 Von 1818-1854 hatten sie bei 42 Expeditionen und 100
Rettungs-Schlitten-Expeditionen nur einen Teilnehmer verloren. Koldewey
S. IV.
15 im Vorwort zu Koldewey, Die 1. deutsche Nordpolar-Expedition im Jahre
1868. Ergänzungsheft 28 zu Petermanns "Geographische Mittheilungen",
Gotha 1871
16 Unveröffentlichter Brief in Privatbesitz.
17 Ritter der 3. Klasse erhielten vor 1884 den Ritterstand taxfrei,
sobald sie darum nachsuchten. M. Gritzner, Handbuch der Ritter- u.
Verdienstorden, Graz 1962,278
18 Kraft a.a.O. 330
19 Der Kaiser von Mexiko, Bruder des Kaisers von Österreich, wurde am
19. Juni erschossen.
20 E. Ihne (Hrsg.), Der Nordpolarforscher Carl Weyprecht. Hessische
Volksbücher Bd. 17/18, Friedberg 1913, 5
21 Neben den Tausenden des reichen Finanzmannes figurierten die 50
Kreuzer, welche die arme Köchin für ein Bündel Holz spendete, schreibt
Weyprecht.
22 Erinnert sei hier nur an das Schicksal der 1845 spurlos
verschwundenen 129 Teilnehmer der Franklin-Expedition und der darauf
erfolgten 40 Expeditionen, die die Umstände klären sollten.
23 J. Payer, Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den
Jahren 1872-1874, Wien 1876
24H.v. Littrow, Carl Weyprecht, der österreichische Nordpolfahrer,
1881,32
25 Littrow 1881
26 B.v.Wüllerstorf-Urbair, Die meteorologischen Beobachtungen an Bord
des Polarschiffes "Tegethoff". In: Denkschriften der . Akad. D. Wiss.
Mathem-.naturw. Klasse, 43.Bd., Wien 1882
27 Payer, 1876, 109
28 Payer , 1876, 190
29 Teile der Ausrüstung fanden den Weg ins Marinemuseum Pula, wo sie
während des ersten Weltkrieges von Italienern geraubt worden sein
sollen, z.T. nach Wien ausgelagert.
30 E. Ihne, 1913, 23
31 Littrow 1881
32 Unser Matrose im Eise. In: Petermanns Geographische Mitteilungen
Nr.5-7,1876
33 Payer, 1876
34Von Weyprecht sind die meisten einschlägigen Dokumente, Briefe,
Ehrungen, Aufzeichnungen, soweit sie nicht in Österreich durch den
Grafen Wilczek gesammelt wurden, verloren gegangen. Zu Beginn des 2.
Weltkriegs lebte der Großneffe Weyprechts Karl Kolb in USA. Bei seiner
Internierung verschwanden die beschlagnahmten Unterlagen. Katalog Wien
1973, 65
35 H. Littrow, 1881, 7ff
36 H. Littrow, 1881, 86
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© 2006-2009 Carl Weyprecht Ausstellung
Letzte Änderung: 13.09.2009 Webmaster: Dr. Dieter Heimer | |
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